15.12.2009
Andy Aigners Baja 1000: Heiss ist das Rennen, kalt die Nacht
Liebe Freunde, Partner und Sponsoren,
hier zuerst ein Fernseh-Tipp: Am 20. Dezember zeigt VOX TV in „auto mobil – Das VOX Automagazin“ (17.00 bis 18.15 Uhr) einen Rückblick auf unser Baja-Abenteuer. Lesen Sie aber zuerst den tollen Bericht meines Freundes und Teamkollegen Andy Aigner. Andy war bei der Baja 1000 ganze 18 Stunden unterwegs! Na ja, mehr oder weniger.
Ich wünsche Euch allen ein wunderbares Weihnachstfest und einen perfekten Start in das neue Jahr.
Herzliche Grüße,
Armin

Vor dem Start: ausgeschlafen und bei bester Laune
Na also! Mit Donnergetöse kündigt der Achtzylinder-Chevy von Armin Kremers AGM Buggy an, dass er gleich in der Box hier mitten in der Wüste einlaufen wird. Armin hat den ersten Stint brilliant geschafft. Er liegt in der Klasse auf Platz zwei. Doppelführung also für unser AGM-Team. Bei der Anfahrt zur Box hatte er am Funk gemeldet: „Schaut nach der Sitzhalterung, ansonsten ist alles ok.“ Jetzt springt er durch die Dachklappe aus dem Rennwagen. Es ist ungefähr 18.00 Uhr, bereits düster. Ich fahre den zweiten Stint, zurück nach Ensenada.
Der Sitz ist schnell repariert, mein Beifahrer Greg und ich hechten in das Cockpit. Anschnallen, Luftschlauch und Helm verbinden, GPS-Check, und ab geht die Post! ... Mist! Ein Konkurrent fährt fünf Sekunden vor uns los. Na Mahlzeit, den im Dunkeln niedermachen, das wird lustig. Der Staub steht in der Luft, es ist völlig windstill. Ich schalte das Licht an, schalte es aus. Was ist besser? Eigentlich ist es egal, denn die mächtigen Scheinwerfer sind nach den ersten 300 Vollgasmeilen durch’s Gebüsch völlig verstellt. Die weißen Lichtsäulen stechen hoch in den Himmel oder runter in den Boden. Überall hin, nur nicht in Fahrtrichtung. Fahren im Nebel ist angenehmer als in dieser Staubwolke.

Es geht los in eine sehr, sehr lange Nacht
Die ersten 40 Meilen: Ein durchgehendes Mega-Waschbrett, nur vier Kurven, ansonsten geradeaus, volles Rohr – so voll es geht auf dieser Marterstrecke. Das ist kein Aufwärmen. Das ist die reinste Tortur, und am Vordermann gibt’s erstmal keinen Weg vorbei. Egal, es läuft gut.

Hier ging es noch richtig gut voran
Bis nach ungefähr 120 Meilen – bei Racemile 450 – die Spannrolle des Keilriemens den Geist aufgibt. Ende für die Servolenkung, Ende für die Wasserpumpe und für die Lichtmaschine. Wir halten an. Und stehen mitten im Nichts. Genauer gesagt: über 20 Meilen von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt. Das hätten wir nicht geschafft, ohne die Batterie und damit den Funkkontakt völlig zu verlieren. Greg gibt unsere Position und unser Problem durch. Dann schalten wir den Funk ab, um die Batterie zu schonen.
Es ist 20:30 Uhr, sehr dunkel und sehr still.

Die Fans und die Lagerfeuer hatten wir längst hinter uns gelassen
Eine Stunde später. Greg fragt nach: „Wie sieht’s aus?“ Antwort: „Wir haben das Teil besorgt, in 90 Minuten sind wir bei euch.“ – Es wird also etwas später. Ich frage mich, wie unsere Jungs mit dem Serviceauto hier herkommen wollen. Denn wir stehen im härtesten Baja-Terrain. Hier kann man sich eigentlich nur per Heli oder Rennwagen fortbewegen.
Wir bereiten die Reparatur vor so gut wir können. Unsere Mechaniker werden das Neuteil nur noch aufschrauben müssen. Das geht dann blitzartig. Aber inzwischen läuft die Zeit. Zwei Stunden sind jetzt vorbei. Wieder unsere Frage am Funk: „Wo bleibt ihr?“ Etwas angestrengte Antwort: „Wir sind unterwegs, aber wir kommen schwer voran. Gebt uns noch 30 Minuten.“
Am tiefschwarzen Himmel funkeln die Sterne wie Tausende Edelsteine. Und das bedeutet: Es ist saukalt in der Wüste. Unter null Grad. Wir sammeln die staubtrockenen Büsche ein, zünden sie an. Das Zeug brennt wie Zunder und gibt eine teuflische Hitze ab. Aber nach fünf Minuten ist alles verpufft, dann müssen wir nachlegen. An Schlaf ist deshalb nicht zu denken. Aber wir bleiben Optimisten: Ein paar Minuten noch, dann müssen unsere Jungs ja da sein.
Und so fließen die Stunden dahin. Um ein Uhr früh versucht Greg, Wasser aus unserem Camelbag zu trinken. Fehlanzeige, unser Getränkevorrat ist solide gefroren.
Um zwei Uhr früh hält ein Motorradfahrer an und erzählt: Unsere Chase Crew steckt fest. Sie versuchen gerade, das Auto zu bergen. Greg hört sich das an und meint, nun könnte es doch noch ein wenig dauern, aber bei Tagesanbruch wären die Jungs sicher hier.
Da macht meine Motivationskurve doch einen ganz kleinen Abstecher nach unten. Mein Körper schaltet auf Leerlauf und beginnt etwas mehr zu frösteln. Wir liegen neben dem Feuer. Gut durchgebraten und well done von vorn, eisigkalt und on the rocks die Rückseite. Eigentlich eine geile Stimmung. Aber mir geht es nicht aus dem Kopf: Wir haben noch gut 200 Rennmeilen vor uns. Die Stimmungslage spielt Ping-Pong zwischen: „Das war’s.“ und „Wir fahren durch!“
Es ist 5.15 Uhr, als unsere Männer ankommen. Die haben ihre eigene Baja hinter sich und sehen auch nicht mehr wie neu aus. Aber sie sind gut drauf. In weniger als 15 Minuten ist das neue Teil drin. Wir entfernen das Eis von unseren Visieren, rein ins Auto. Startknopf. Als der Motor losfaucht ist mir sofort klar: Wir fahren durch! Auf geht’s!
Um ungefähr ein Uhr mittags fahren wir in Ensenada über die Ziellinie. Unsere Chase Crew, die uns bei Tagesanbruch flott gemacht hat, ist noch immer in der Wüste unterwegs.
Unzählige Fans stehen noch immer an der Strecke. Unsere Teammitglieder sind da, und sogar mein Fanclub ist zur Begrüßung gekommen! 18 Stunden waren wir unterwegs. Die Gesamtfahrzeit unseres Buggys betrug rund 25 Stunden. Wir sind im Ziel, und wir sind 13. in der Klasse. Was für ein Abenteuer! Und ich gebe zu: Ich bin stolz, dass wir’s geschafft haben. Das tun bei der Baja 1000 längst nicht alle.
Ich freue mich im selben Moment auf das nächste Jahr. Dann geht’s 1400 Meilen nonstop, bis runter zur Südspitze der Baja California. Also doppelt so weit wie heuer ...